Filmreihe „Irrsinnig Menschlich“ thematisiert psychische Gesundheit.

Er ist Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Lichtenberger Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge (KEH): Professor Dr. Albert Diefenbacher hilft seinen Patienten dabei, dabei depressive Störungen, Süchte, familiäre Konflikte oder auch Ängste zu bewältigen. Im Interview erzählt er Carmen Weber davon, wie die Filmreihe „Irrsinnig Menschlich“ dabei helfen kann, mit bestimmten Krankheitsbildern umzugehen.
Professor Diefenbacher, gerade ist im Kino CineMotion in Hohenschönhausen wieder die Reihe „Irrsinnig menschlich“ gestartet. Unterstützt vom Bezirksamt kommen dabei Filme rund um das Thema seelische Gesundheit zur Aufführung…

Albert Diefenbacher: Ja, wir haben dieses Thema raus aus dem Krankenhaus geholt und mit dem CineMotion einen ausgezeichneten Ort gefunden zum Vorführen und Diskutieren. Im Anschluss an den Film knüpfen wir direkt an das Zuschauer-Erlebnis an, indem das Publikum mit Experten, Betroffenen, ihren Angehörigen und Interessierten über das filmisch dargestellte Thema sprechen kann. Zu den Vorstellungen kommen inzwischen 80 bis 180 Zuschauer.
Begonnen haben wir damit im Oktober 2007, anfangs noch als Experiment. Mit einem befreundeten Germanisten, Dr. Robert Schändlinger, haben wir damals noch im Festsaal des Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge die ersten Filme gezeigt. Wir wollten wissen, ob die Leute damit etwas anfangen können. Sie haben zugehört und durchaus verstanden, dass Film und eigenes Erleben verschieden sind.

Die Krankenkassen schlagen laut Alarm: Immer mehr Menschen würden psychisch erkranken. Ist das tatsächlich so?

Diefenbacher: Die Statistiken der Kassen sind etwas irreführend. Innerhalb der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen nimmt die Zahl der psychischen Erkrankungen tatsächlich zu. Im statistischen Vergleich innerhalb der Bevölkerung hat sich jedoch nicht viel geändert.
Aber die Menschen suchen sich heute häufiger Hilfe als früher. Und es gibt tatsächlich Krankheiten, die inzwischen häufiger diagnostiziert werden.

Um welche Erkrankungen geht es?

Diefenbacher: Depressive Störungen infolge von Erschöpfung oder auch Burnout, familiären und beruflichen Konflikten, Ängsten oder Schulden und Arbeitslosigkeit. Deutlich angestiegen ist auch die Zahl der Demenzerkrankungen. Ursache ist der demographische Wandel. Wir werden alle viel älter als unsere Eltern oder Großeltern. Und mit wachsendem Alter steigt gleichzeitig die Zahl von Demenzerkrankungen.

Ihre Beschreibung trifft sicher auf Lichtenberg wie auf andere Großstädte zu …

Diefenbacher: Ja, Lichtenberg reiht sich dort passgenau ein. Besonders ist vielleicht, dass von unseren Patienten nur noch etwa 15 Prozent eine Arbeit haben. Den Job zu verlieren, ist nicht gut. Es kommt vor, dass Patienten ihre Arbeit verlieren, anschließend depressiv werden, später keine Miete mehr bezahlen können und dann der Räumungsbeschluss folgt.

Was kann uns noch aus der Balance bringen?

Diefenbacher: Das ist von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich. Klassisch ist die Trauer. Stirbt ein geliebter Mensch, ist es normal, zu trauern. Hält die Trauer aber sehr lange an, kann sie chronisch werden und sich daraus eine Depression entwickeln. Ein anderer Klassiker ist die Rente. Manche Rentner fallen ohne ihre Arbeit in ein Loch. Partnerschaftskonflikte und Scheidungen können uns ebenfalls aus dem seelischen Gleichgewicht bringen.

Was ist dabei die größte Heraus­forderung?

Diefenbacher: Das größte Problem sind dauerhafte interpersonelle Defizite. Das bedeutet: Diese Menschen haben Schwierigkeiten, Kontakte zu anderen und damit soziale Beziehungen aufzubauen.

Wie helfen Sie und Ihr Team ganz konkret?

Diefenbacher: Wir klären zuerst mit den Patienten ihre eigenen Werte. Die Rückbesinnung darauf spielt eine beachtliche Rolle, auch bei existentiellen Fragen. Die Behandlung erfolgt bei uns dann oft mit Psychotherapie. Natürlich ist nicht selten auch eine Medikation wichtig, dies ist aber nicht immer der Fall. Psychiatrie ist heute nur noch zum Teil vollstationär.

Wir alle wollen glücklich und zufrieden leben. Verraten Sie uns ein paar Tipps zum Glücklichsein?

Diefenbacher: Jeder sollte sich Gedanken über seine eigenen Werte machen. Der Lebensrhythmus ist ebenfalls wichtig. Spannung und Entspannung sollten in Einklang stehen. Dauerspannung ohne Erholung macht unzufrieden oder krank. Auch Sport ist immer gut. Allerdings nur der Sport, der einem gefällt. Entspannungstechniken wie Yoga und Muskelrelaxation können, wenn sie erst einmal erlernt sind, gut zur Vorbeugung in stressigen Situationen eingesetzt werden.

„Irrsinnig Menschlich“

Die Filmreihe zeigt immer
um 17.30 Uhr im CineMotion,
Wartenberger Str. 174, aktuelle
Kinofilme zur psychischen Gesundheit.
Die nächsten Beiräge sind „In meinem Kopf ein Universum“ über das Leben mit Behinderung am 15. März,
„The Danish Girl“ zu sexueller Identität am 19. April und „Alki, Alki“,
eine Tragikkomödie am 17. Mai.

red, Foto: Weber