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Der Fall Tariq Ramadan beschäftigt seit Jahren die europäische Öffentlichkeit und Justiz. Am 26. März 2026 erreichte die Causa einen neuen Höhepunkt: Ein Pariser Strafgericht verurteilte den Schweizer Islamwissenschaftler in Abwesenheit wegen dreifacher Vergewaltigung zu 18 Jahren Haft. Dieses Urteil ist der vorläufige Endpunkt einer langen juristischen Auseinandersetzung, die das Ansehen des einst gefeierten Intellektuellen zerstört hat.
Der umstrittene Islamwissenschaftler Tariq Ramadan ist am 25. März 2026 von einem Pariser Schwurgericht in Abwesenheit zu einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren verurteilt worden. Das Gericht befand den 63-Jährigen in allen drei angeklagten Fällen der Vergewaltigung für schuldig. Dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Zuvor war er bereits in der Schweiz in einem anderen Fall rechtskräftig verurteilt worden.
Wer ist Tariq Ramadan?
Tariq Ramadan, geboren am 26. August 1962 in Genf, ist ein Schweizer Islamwissenschaftler und Publizist ägyptischer Herkunft. Er ist der Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft, was seine familiäre Prägung und seinen Werdegang maßgeblich beeinflusste. Ramadan promovierte an der Universität Genf und erlangte Bekanntheit als Vordenker eines sogenannten „Euro-Islams“. Er argumentierte für eine Synthese islamischer Prinzipien mit europäischen Werten und wurde zur Stimme vieler junger Muslime in Europa.
Seine akademische Karriere führte ihn unter anderem als Professor für Islamwissenschaften an die renommierte Oxford University. Seine Tätigkeit dort ruht jedoch seit 2017, als die ersten schweren Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen ihn öffentlich wurden. Ramadan, der sich selbst als „Salafi-Reformist“ bezeichnet, war eine ebenso einflussreiche wie umstrittene Figur, die regelmäßig an internationalen Debatten teilnahm und zahlreiche Bücher veröffentlichte.
Die Urteile: Was wurde Tariq Ramadan vorgeworfen?
Die juristischen Auseinandersetzungen um Tariq Ramadan erstrecken sich über mehrere Jahre und zwei Länder. Im Zentrum stehen schwere Vorwürfe der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung durch mehrere Frauen.
Verurteilung in der Schweiz
Ein erster juristischer Meilenstein war ein Prozess in der Schweiz. Eine Frau warf Ramadan vor, sie in einer Nacht im Oktober 2008 in einem Genfer Hotelzimmer vergewaltigt und sexuell genötigt zu haben. Zunächst wurde Ramadan im Mai 2023 von einem Genfer Strafgericht freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft legte jedoch Berufung ein. Im Berufungsprozess wurde das Urteil revidiert: Im September 2024 verurteilte ein Genfer Berufungsgericht Ramadan wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren, davon zwei auf Bewährung. Dieses Urteil ist mittlerweile rechtskräftig.
Anklage und Urteil in Frankreich
Parallel zu den Verfahren in der Schweiz liefen in Frankreich Ermittlungen, die 2017 im Zuge der #MeToo-Bewegung ins Rollen kamen. Mehrere Frauen erstatteten Anzeige. Schließlich wurde Ramadan in Paris wegen dreifacher Vergewaltigung angeklagt. Die Taten sollen sich zwischen 2009 und 2016 in Lyon und Paris ereignet haben. Die Opfer beschrieben Ramadan als manipulativ und brutal. Am 25. März 2026 forderte die Staatsanwaltschaft 18 Jahre Haft, woraufhin das Gericht ihn am selben Tag in Abwesenheit zu dieser Strafe verurteilte. Zusätzlich wurde ein dauerhaftes Einreiseverbot für Frankreich nach Verbüßung der Strafe verhängt.
Der Prozess in Paris: Urteil in Abwesenheit
Der Prozessauftakt in Paris am 2. März 2026 fand ohne den Angeklagten statt. Ramadans Anwälte begründeten seine Abwesenheit mit gesundheitlichen Problemen; er leide an Multipler Sklerose und sei in einer Genfer Klinik behandelt worden. Diese Begründung wurde vom Gericht jedoch nicht akzeptiert. Zwei vom Gericht bestellte Gutachter kamen zu dem Schluss, dass Ramadan verhandlungsfähig sei und sein Gesundheitszustand stabil. Da er dennoch nicht erschien und damit gegen Justizauflagen verstieß, wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Der Prozess wurde in seiner Abwesenheit fortgesetzt und endete mit der Verurteilung zu 18 Jahren Haft. Da die Schweiz ihre Staatsbürger in der Regel nicht ausliefert, kann das Urteil vorerst nicht vollstreckt werden, solange sich Ramadan in der Schweiz aufhält.
Die kontroverse Figur Tariq Ramadan
Unabhängig von den strafrechtlichen Urteilen war Tariq Ramadan schon lange vor den Vergewaltigungsvorwürfen eine polarisierende Persönlichkeit. Befürworter sahen in ihm einen Brückenbauer und einen Reformer, der dem Islam einen modernen, europäischen Anstrich geben wollte. Er galt für eine ganze Generation junger Muslime als intellektuelles Vorbild.
Kritiker warfen ihm hingegen eine Doppelzüngigkeit vor. Sie sahen in seinen Lehren eine versteckte islamistische Agenda, die unter dem Deckmantel der Integration die Werte der Muslimbruderschaft verbreiten sollte. Seine Dissertation über seinen Großvater Hassan al-Banna wurde beispielsweise von der ersten Prüfungskommission abgelehnt, weil sie diesen ideologisch verkläre. Auch seine Kritik am Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank sowie seine Haltung zu Israel sorgten immer wieder für Kontroversen. Der tiefe Fall des einst gefeierten Gelehrten markiert das Ende einer Ära und wirft ein Schlaglicht auf die komplexen Debatten um Islam, Integration und Machtmissbrauch in Europa.
Häufig gestellte Fragen
Was war das jüngste Urteil gegen Tariq Ramadan?
Am 25. März 2026 wurde Tariq Ramadan von einem Pariser Strafgericht in Abwesenheit wegen dreifacher Vergewaltigung zu 18 Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Ist Tariq Ramadan auch in der Schweiz verurteilt worden?
Ja. Im September 2024 wurde er von einem Genfer Berufungsgericht rechtskräftig wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt, zwei davon auf Bewährung.
Warum war Tariq Ramadan beim Prozess in Paris nicht anwesend?
Seine Verteidigung gab gesundheitliche Gründe an (Multiple Sklerose). Das Gericht folgte dieser Argumentation nach einem medizinischen Gutachten nicht und erließ einen Haftbefehl.
Wer ist Tariq Ramadan?
Tariq Ramadan, geboren 1962 in Genf, ist ein Schweizer Islamwissenschaftler und Publizist. Er ist der Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, und war Professor an der Oxford University, bevor seine Karriere durch Vergewaltigungsvorwürfe beendet wurde.
Fazit
Die Causa Tariq Ramadan ist ein komplexes Geflecht aus theologischen Debatten, politischer Kontroverse und schweren strafrechtlichen Vorwürfen, die in mehreren Verurteilungen mündeten. Das jüngste Urteil aus Paris vom 26. März 2026 – 18 Jahre Haft wegen dreifacher Vergewaltigung – markiert den vorläufigen Höhepunkt des tiefen Falls eines Mannes, der einst als Hoffnungsträger für einen europäischen Islam galt. Während die juristische Aufarbeitung in Frankreich durch seine Abwesenheit erschwert wird, ist die Verurteilung in der Schweiz bereits rechtskräftig. Die Urteile zeichnen das Bild eines Mannes, der seine Macht und seinen Status über Jahre hinweg missbraucht haben soll. Sein Fall ist zu einem der prominentesten Beispiele der #MeToo-Bewegung in Europa geworden und hat die Diskussion über Machtmissbrauch in akademischen und religiösen Kreisen nachhaltig geprägt.






