Johannes Oerding spricht darüber, warum er keine Angst mehr davor hat, vergessen zu werden, und weshalb er lieber reist als anzukommen.
Nach seinem letzten Album legte Johannes Oerding, 44, 2024 eine Pause ein. In seinem Sabbatjahr war er auf Reisen und begann unterwegs, eine neue Platte zu schreiben – ganz ohne Vorsätze oder Druck. So entstand sein achtes Studioalbum „Hotel“, das er am 27. März veröffentlicht.
Darauf singt er davon, dass er sich im Leben nicht angekommen fühlt. Das ist jedoch auch nicht sein Ziel. „Ich will immer unterwegs sein“, betont Oerding im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news. Zudem spricht der Musiker, der ab 14. April wieder als Moderator für „Sing meinen Song“ fungieren wird, über die Angst, vergessen zu werden, und als Musiker nichts mehr zu sagen zu haben.
Johannes Oerding: Hier lief das Fass über
Gab es vor Ihrem Sabbatical einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: So wie bisher geht es nicht mehr?
Johannes Oerding: Es hat sich schleichend entwickelt, aber es gab einen Schlüsselmoment, der das Fass hat überlaufen lassen. Beim letzten Konzert einer langen Open-Air-Tournee stand ich im Sauerland auf der Bühne und habe während der letzten Songs gedacht: „Gleich ist es vorbei, dann fahren wir nach Hause. Was muss ich diese Woche denn besorgen?“ Als ich gemerkt habe, dass ich bei einem Konzert, bei dem 7.000 Leute vor mir stehen, an meinen Einkauf denke, wusste ich: Das kann ich weder mir noch den Leuten antun, die viel Geld für ihr Ticket bezahlt haben.
Dann habe ich realisiert, dass ich wieder Platz im Kopf brauche und mal aus diesen Leitplanken ausbrechen muss. Die sind zwar bequem, sorgen aber dafür, dass man sich nicht weiterentwickelt.
Auf Ihren Reisen wollten Sie zunächst keine Musik schreiben, haben dann aber doch wieder zur Gitarre gegriffen. Hatten Sie Angst, dass die Kreativität nicht zurückkommt?
Ja. Ich hatte Angst, dass ich schon an dem Punkt war, an dem ich alles aufgeschrieben habe. Es war gut, dass ich bewusst kein Instrument mitgenommen habe und mir nichts notiert habe – bis zu dem Punkt, an dem ich nicht mehr anders konnte. Nach drei Monaten musste ich alles Erlebte festhalten und rauslassen. Zu wissen, dass ich da nicht drum rumkomme, hat mir viel Selbstbewusstsein als Künstler gegeben. Vorher habe ich oft gezweifelt, ob ich mich und dieses Leben nur fake. Und die Antwort darauf war: Nein, weil ich ohne die Musik gar nicht kann. Gitarre zu spielen und dazu zu singen, liegt in meiner DNA.
„Zwischen Fernweh und Heimweh – mein Leben ist wie ein Hotel“, singen Sie auf dem Titeltrack. Trifft diese Zeile heute noch zu oder haben Sie das Gefühl, angekommen zu sein?
Die trifft immer noch zu. Ich werde nie richtig ankommen, weil gerade das auch mein Leben ist. Um Musik zu machen, brauche ich Inspiration, Geschichten, muss anderen Personen zuhören und etwas erleben. Würde ich nur über mich schreiben, wäre alles in drei Songs erzählt. Ich finde die Vorstellung schön, dass das Leben ein Weg ist, den man immer weitergeht. Deshalb habe ich nicht das Gefühl, angekommen zu sein. Aber ich will auch gar nicht ankommen. Ich will immer unterwegs sein.
Besondere Kollaborationen mit Peter Maffay und Sarah Connor
„Eiszeit 2.0“ mit Peter Maffay entstand auch auf Reisen, wie Sie verraten haben. Wo und wie ist der Song entstanden?
Ich war in Nashville, als ich gemerkt habe, dass ich einen Song mit Peter aufnehmen will. Ich habe schon seine letzten Alben mit ihm geschrieben und wir sind befreundet. Dazu kam, dass die politische Weltlage drunter und drüber ging und man sich wunderte: Was passiert da gerade mit den Weltmächten Russland, China und den USA? Es ist mehr als der Kalte Krieg, der gerade stattfindet, und wir sind mittendrin. Peter hat mich an seinen Song „Eiszeit“ aus den 80ern erinnert, der genau das beschreibt. Ich habe zu ihm gesagt: „Wie dumm sind wir eigentlich, dass das jetzt 40 Jahre später schon wieder passiert?“ Da war die Idee geboren, eine Neuauflage des Songs zu schreiben. Darin üben wir auf unsere Art Kritik an der Menschheit und an uns selbst.
Mit Sarah Connor haben Sie die Liebesballade „Märchen aus Hollywood“ eingesungen. War von Anfang an klar, dass dieser Song als Duett entstehen sollte?
Das ist beim Schreiben passiert. Ich hatte die Melodie im Kopf und festgestellt, dass es nach einem Soul-Klassiker klingt. Nach den ersten paar Zeilen ist ein Dialog entstanden. Da habe ich eins und eins zusammengezählt. Nur wenige deutsche Sängerinnen können dieses Lied singen und ich kenne jemanden, der Soul und Pop-Balladen liebt und damit aufgewachsen ist. Am wichtigsten war aber, dass wir uns kennen, mögen und schon gemeinsam auf der Bühne standen. Mir ist es wichtig, dass bei einem Duett eine organische Verbindung besteht und man nicht einfach nur Streams mit einer Idee generieren will.
Was hat den Song inhaltlich inspiriert?
Der Glaube an die große Liebe und auch die Romantik, die ich selbst im normalen Leben nie so ausdrücken kann. Dafür brauche ich meine Musik und meine Songs. Und ich habe mich an den Film „Notting Hill“ erinnert, den ich mit Anfang 20 mit meinem damaligen Mitbewohner gesehen habe. Wir hatten einen Kater und haben geschluchzt, als sie vor ihm stand und sagte: „Ich bin doch nur ein Mädchen, das vor einem Jungen steht und ihn bittet, es zu lieben.“ Das hat uns in dem Moment sehr gerührt.
„Ich finde es wichtig, dass man die Hüllen fallen lässt“
Sie haben einmal gesagt, dass Sie beim Songwriting alles von sich preisgeben. Hatten Sie bei diesem Album Hemmungen, über ein bestimmtes Thema zu singen?
Nein. Das ist das Schöne an meiner Entwicklung. Mir wird es immer egaler, mich zu offenbaren. Ganz im Gegenteil:
Ich finde es sogar wichtig, dass man die Hüllen fallen lässt. Meine eindringlichsten Songs waren immer die, auf denen ich wirklich schonungslos ehrlich mit mir selbst war.
Auf dem jetzigen Album ist das zum Beispiel „Parallel“, wo ich sehr explizit über eine Trennung spreche, oder „Hier Gehör Ich Hin“, wo ich über all die emotionalen Höhen und Tiefen der letzten drei Jahre schreibe. Oder auch „Wolken“, auf dem ich über den Tod meines Vaters singe.
Das Album beschreiben Sie als sehr persönlich und klanglich reduziert. Wie übertragen Sie diese Stimmung live auf die Bühne?
Genau so. Die Songs könnte man theoretisch am Lagerfeuer nur mit einer Gitarre spielen. So habe ich sie auch geschrieben. Das erste Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, dass diese reduzierte Form sogar gut ist und es keine große Inszenierung mit Pyro und Ähnlichem braucht. Es soll um die Geschichten der Songs gehen.
Was steht nach der Tour für Sie an?
Nach der Arena-Tour spiele ich Sommer-Open-Airs. Aber ich werde mir auch Urlaub nehmen. Das habe ich jetzt schon geplant. Außerdem könnte noch das ein oder andere Projekt realisiert werden, das es so noch nie in Deutschland gab, aktuell aber noch geheim ist.
Denken Sie heute anders über das Tempo Ihrer Karriere? Machen Sie sich weniger Druck?
Ja, aber erst seit meinem Sabbatjahr. Ich hatte Angst, dass die Leute mich vergessen, wenn ich weg bin. Aber die wichtigste Erkenntnis ist: Es interessiert niemanden, ob ich ein Jahr weg bin oder drei. So wichtig bin ich nicht.
Quelle: Gala






