📖 Lesezeit: 8 Minuten | Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2026
Was ist der White Tiger Prozess? Der White Tiger Prozess ist das Strafverfahren gegen den 21-jährigen Shahriar J., der unter dem Pseudonym „White Tiger“ im Internet über 30 Kinder und Jugendliche missbraucht haben soll. Der Prozess startete am 9. Januar 2026 vor dem Landgericht Hamburg. Ihm werden 204 Straftaten vorgeworfen, darunter Mord und fünffacher versuchter Mord.
Der White Tiger Prozess hat am 10. Januar 2026 bundesweit für Aufsehen gesorgt. Ein junger Mann aus Hamburg soll als führendes Mitglied eines internationalen Sadisten-Netzwerks psychisch labile Kinder systematisch manipuliert, zu Selbstverletzungen gezwungen und in mindestens einem Fall in den Suizid getrieben haben. Der Fall offenbart erschreckende Abgründe des Cybergrooming und wirft grundlegende Fragen zum Kinderschutz im digitalen Zeitalter auf.
Wer ist der Angeklagte im White Tiger Prozess?
Der Angeklagte Shahriar J. ist ein 21-jähriger Deutsch-Iraner, der zum Tatzeitpunkt selbst noch Jugendlicher bzw. Heranwachsender war. Er lebte zurückgezogen bei seinem Vater in Hamburg-Marienthal, einem bürgerlichen Stadtteil im Hamburger Osten. Nach Abschluss seines Abiturs wurde er am 17. Juni 2025 in der elterlichen Wohnung festgenommen. Seither sitzt er im Hamburger Jugendgefängnis in Untersuchungshaft.
Unter dem Pseudonym „White Tiger“ soll er auf Plattformen wie Discord und Telegram gezielt nach vulnerablen Minderjährigen gesucht haben. Die Staatsanwaltschaft bezeichnet ihn als Kopf des internationalen Netzwerks „764″.
📋 Steckbrief des Angeklagten:
Name: Shahriar J. (vollständiger Name aus Datenschutzgründen nicht öffentlich)
Alter: 21 Jahre
Staatsangehörigkeit: Deutsch-Iranisch
Pseudonym: „White Tiger“
Festnahme: 17. Juni 2025
Tatzeitraum: Januar 2021 bis September 2023
Welche Vorwürfe werden im White Tiger Prozess erhoben?
Die Anklage umfasst insgesamt 204 Straftaten, die der Angeklagte zwischen Januar 2021 und September 2023 begangen haben soll. Zu den schwerwiegendsten Vorwürfen gehören ein vollendeter Mord und fünf versuchte Morde. Die Opfer sind nach Angaben des Gerichts mehr als 30 Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 15 Jahren aus Deutschland, den USA, Kanada, England und Finnland.
Der gravierendste Vorwurf betrifft den Tod eines 13-jährigen Jungen aus den USA. Der Teenager soll sich im Januar 2022 auf Druck des Angeklagten erhängt haben – während „White Tiger“ das Geschehen live am Bildschirm verfolgte. Eine 14-jährige Kanadierin überlebte demnach nur knapp einen Suizidversuch, zu dem sie der Angeklagte gedrängt haben soll.
| Kategorie | Details |
|---|---|
| Gesamtzahl der Anklagepunkte | 204 Straftaten |
| Schwerwiegendste Vorwürfe | 1x Mord, 5x versuchter Mord |
| Anzahl der Opfer | Über 30 Kinder und Jugendliche |
| Alter der Opfer | 11 bis 15 Jahre |
| Herkunftsländer der Opfer | Deutschland, USA, Kanada, England, Finnland |
| Maximale Strafe | 10 Jahre Jugendstrafe |
Was ist das 764-Netzwerk hinter dem White Tiger?
Das Netzwerk „764″ gilt als eines der gefährlichsten pädokriminellen Netzwerke weltweit. Gegründet wurde es 2021 von dem damals 15-jährigen Bradley Chance Cadenhead aus Texas – die Zahl 764 entspricht der Postleitzahl seiner Heimatstadt. Cadenhead wurde 2023 zu 80 Jahren Haft verurteilt.
Das FBI stuft die Gruppe als Terrororganisation ein. Nach Angaben des Bundeskriminalamts umfasst das Netzwerk mehrere tausend Mitglieder in zahlreichen Untergruppen. Allein beim FBI laufen über 300 Verfahren, in Deutschland ermitteln zehn Landeskriminalämter gegen mutmaßliche Mitglieder.
Die Gruppierung ist aktiv auf Plattformen wie Discord, Telegram, Instagram und Facebook sowie auf Gaming-Plattformen wie Roblox und Minecraft. Ideologisch knüpft „764″ an den seit den 1970er Jahren bestehenden „Order of Nine Angles“ an – ein rechtsesoterisches, satanistisches und rechtsextremes Netzwerk mit Terrorbezügen.
Experten-Einschätzung: „Das ganze Netzwerk kann man sozusagen als Selbstradikalisierungsspirale für Menschen mit vielleicht soziopathischen oder psychopathischen Tendenzen verstehen“, erklärt der investigative Journalist Roman Höfer vom Spiegel.
Wie funktioniert Cybergrooming beim White Tiger Fall?
Der Fall „White Tiger“ zeigt exemplarisch die perfiden Methoden des Cybergrooming. Die Täter suchen gezielt nach psychisch labilen Kindern und Jugendlichen in Suizid-Foren, sozialen Netzwerken und Online-Games. Besonders anfällig seien nach internen Chat-Protokollen des Netzwerks Mädchen mit Depressionen oder psychischen Erkrankungen.
Die Manipulation folgt einem systematischen Muster: Zunächst erschleichen sich die Täter durch Komplimente und vermeintliche Zuneigung das Vertrauen der Opfer. Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort erläutert gegenüber dem ZDF: „Am Bildschirm fühlt man sich, als sei man mit der anderen Person allein. Dann vertraut man ihr – wie im echten Leben.“
Nach dem Aufbau einer emotionalen Abhängigkeit forderten die Täter immer extremere Inhalte – von Nacktbildern über Selbstverletzungen bis hin zu Suizidhandlungen. Die Opfer wurden dabei live vor bis zu einem Dutzend Zuschauern gefilmt und anschließend mit der Veröffentlichung des Materials erpresst.
Wie läuft der White Tiger Prozess ab?
Der Prozess findet vor einer Jugendkammer des Landgerichts Hamburg unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Da der Angeklagte die Taten als Minderjähriger begangen haben soll, gilt für ihn das Jugendstrafrecht. Insgesamt sind bis Dezember 2026 stolze 82 Verhandlungstermine angesetzt.
Die Anklageschrift umfasst über 100 Seiten. Am ersten Verhandlungstag konnte die Staatsanwaltschaft die Verlesung noch nicht abschließen – sie kam lediglich bis Seite 26. Die Ermittlungen stützen sich auf 12 Terabyte sichergestellte Daten und rund 120 Stunden Bild- und Videomaterial.
Bereits vor Prozessbeginn sorgte ein Zwischenfall für Aufsehen: Der Angeklagte wurde am 8. Januar 2026 während seiner Verlegung ins Untersuchungsgefängnis von Mithäftlingen verprügelt, die dabei „White Tiger“ riefen. Seine Anwältin Christiane Yüksel weist die Vorwürfe entschieden zurück und bezeichnet die Anklage als „haltlos und konstruiert“.

Was sind die Konsequenzen und Lehren aus dem Fall?
Der White Tiger Prozess wirft ein Schlaglicht auf die Gefahren des Internets für Kinder und Jugendliche. Laut aktuellen Zahlen berichten 24 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen in Deutschland, bereits Cybergrooming erlebt zu haben. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
Kinderschutzorganisationen fordern verstärkte Prävention und Aufklärung. Christina Khosrowi von „Innocence in Danger“ betont: Kinder müssen wissen, dass sie sich jederzeit an ihre Eltern wenden können – ohne Angst vor Bestrafung. Verbote allein reichen nicht aus, um Kinder vor problematischen Kontakten im Netz zu schützen.
💡 Warnsignale für Eltern:
• Kind zieht sich plötzlich zurück und wirkt verschlossen
• Ungewöhnliche Veränderungen im Online-Verhalten
• Kind verbirgt aktiv seine Bildschirmaktivitäten
• Auffällige Anspannung oder emotionale Veränderungen
• Neue „Online-Freunde“, über die nicht gesprochen wird
🆘 Hilfsangebote bei Cybergrooming
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7)
Nummer gegen Kummer: 116 111 (für Kinder und Jugendliche)
JUUUPORT: Online-Beratung von jungen Menschen für junge Menschen
Häufig gestellte Fragen zum White Tiger Prozess
Fazit: Ein Prozess mit weitreichender Bedeutung
Der White Tiger Prozess markiert einen der erschütterndsten Fälle von Cybergrooming in der deutschen Rechtsgeschichte. Erstmals wird ein mutmaßlicher Kopf des berüchtigten 764-Netzwerks vor einem deutschen Gericht zur Verantwortung gezogen. Das Verfahren wird zeigen, ob die vorgeworfene mittelbare Täterschaft – das Drängen von Opfern zum Suizid über das Internet – als Mord gewertet werden kann.
Unabhängig vom Ausgang des Prozesses hat der Fall bereits jetzt die Debatte über Kinderschutz im Internet neu entfacht. Eltern, Schulen und Plattformbetreiber stehen gleichermaßen in der Verantwortung, Kinder vor den Gefahren des digitalen Raums zu schützen. Der White Tiger Prozess könnte zum Präzedenzfall werden – und ein Signal senden, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist.







