📖 Lesezeit: 10 Minuten | Zuletzt aktualisiert: 09.01.2026
Was ist eine ballistische Rakete? Eine ballistische Rakete ist ein militärischer Flugkörper, der sein Ziel auf einer ballistischen Flugbahn nach den Gesetzen der Schwerkraft erreicht. Anders als Marschflugkörper wird sie nur kurz angetrieben und fliegt den Großteil ihrer Strecke antriebslos. Die Reichweiten variieren von unter 1.000 km bei Kurzstreckenraketen bis über 5.500 km bei Interkontinentalraketen (ICBM).
Ballistische Rakete – am 9. Januar 2026 ist dieser Begriff aktueller denn je. Mit dem Einsatz der russischen Oreschnik-Rakete im Ukraine-Krieg und der Inbetriebnahme des Arrow-3-Abwehrsystems in Deutschland rücken diese Waffensysteme verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. Dieser Artikel erklärt, wie ballistische Raketen funktionieren, welche Typen es gibt und welche Länder über diese Waffen verfügen.
Was ist eine ballistische Rakete? Definition einfach erklärt
Eine ballistische Rakete (englisch: ballistic missile) ist eine militärische Rakete, die ihr Bodenziel auf einer Flugbahn gemäß den Gesetzen der Ballistik erreicht. Der Name leitet sich vom griechischen Wort „bállein“ ab, was „werfen“ oder „schleudern“ bedeutet.
Die wichtigsten Merkmale:
- Kurze Antriebsphase: Das Triebwerk brennt nur während Start und Aufstieg
- Antriebsloser Flug: Der Großteil der Flugbahn erfolgt ohne Antrieb
- Parabelförmige Flugbahn: Ähnlich einem geworfenen Ball
- Kein Tragwerk: Im Unterschied zu Marschflugkörpern keine Flügel
- Hohe Geschwindigkeit: Bis zu 7 km/s bei Interkontinentalraketen
Der wesentliche Unterschied zu Marschflugkörpern: Diese fliegen wie Flugzeuge mit konstantem Antrieb und Tragflächen auf niedriger Höhe. Ballistische Raketen hingegen steigen steil auf, erreichen große Höhen und stürzen dann auf ihr Ziel herab.

Ballistische Raketen: Typen nach Reichweite klassifiziert
Ballistische Raketen werden nach ihrer Reichweite in verschiedene Kategorien eingeteilt. Die Klassifizierung folgt den Definitionen der US Missile Defense Agency:
| Typ | Bezeichnung | Reichweite | Beispiele |
|---|---|---|---|
| SRBM | Kurzstreckenrakete | Unter 1.000 km | Iskander-M (Russland), Scud (Sowjetunion) |
| MRBM | Mittelstreckenrakete | 1.000–3.000 km | Oreschnik (Russland), DF-21 (China) |
| IRBM | Mittelstreckenrakete große Reichweite | 3.000–5.500 km | Pershing II (USA), SS-20 (Sowjetunion) |
| ICBM | Interkontinentalrakete | Über 5.500 km | Minuteman III (USA), Topol-M (Russland), DF-41 (China) |
| SLBM | U-Boot-gestützte Rakete | Variabel (meist ICBM) | Trident II (USA/UK), Bulawa (Russland) |
Gut zu wissen: Kurzstrecken- und Mittelstreckenraketen werden auch als „Theater Ballistic Missiles“ (TBM) bezeichnet – ballistische Raketen für den Kriegsschauplatz. Sie sind meist für den Einsatz mit konventionellen Sprengköpfen konzipiert.
Wie funktioniert eine ballistische Rakete?
Der Flug einer ballistischen Rakete lässt sich in vier Phasen unterteilen:
1. Boost Phase (Startphase)
Die Rakete zündet ihr Triebwerk und hebt vom Boden ab. Bei größeren Raketen erfolgt der Start meist senkrecht, um den Luftwiderstand zu minimieren. Diese Phase dauert je nach Raketentyp wenige Sekunden bis mehrere Minuten.
2. Ascent Phase (Aufstiegsphase)
Die Rakete steigt durch die Atmosphäre in den Weltraum auf. Mehrstufige Raketen werfen verbrauchte Stufen ab, um Gewicht zu reduzieren. Die Steuerung erfolgt durch Trägheitsnavigationssysteme (INS), heute oft ergänzt durch GPS oder GLONASS.
3. Midcourse Phase (Mittelphase)
Der Flugkörper bewegt sich antriebslos im erdnahen Weltraum auf sein Ziel zu. Bei ICBMs kann diese Phase bis zu 25 Minuten dauern. Die Flugbahn ähnelt einer Ellipse gemäß den Keplerschen Gesetzen.
4. Terminal Phase (Endphase)
Der Gefechtskopf tritt wieder in die Erdatmosphäre ein und stürzt auf das Ziel. Moderne Raketen können in dieser Phase manövrieren, um Abwehrsysteme zu umgehen. Die Endgeschwindigkeit kann über Mach 20 erreichen.
Welche Länder besitzen ballistische Raketen?
Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI verfügen neun Länder über Atomwaffen und die entsprechenden ballistischen Trägersysteme. Stand Januar 2025 sieht die Verteilung so aus:
| Land | Atomsprengköpfe (ca.) | Trägersysteme | ICBM-Fähigkeit |
|---|---|---|---|
| Russland | 5.459 | Nukleare Triade | Ja |
| USA | 5.177 | Nukleare Triade | Ja |
| China | 600 | Nukleare Triade | Ja |
| Frankreich | 290 | SLBM, Luftgestützt | Ja (SLBM) |
| Großbritannien | 225 | SLBM (Trident II) | Ja (SLBM) |
| Indien | 180 | Triade im Aufbau | In Entwicklung |
| Pakistan | 170 | Landgestützt | Nein |
| Israel | 90 (geschätzt) | Jericho-Serie | Möglich |
| Nordkorea | 50 | Diverse Typen | Ja (Hwasong-17) |
Russland und die USA besitzen zusammen etwa 90 Prozent aller Atomwaffen weltweit. China baut sein Arsenal derzeit am schnellsten aus – mit etwa 100 neuen Sprengköpfen pro Jahr. Weitere Aktuelle Nachrichten zu internationalen Sicherheitsthemen finden Sie auf unseren Partnerseiten.
Raketenabwehr: Wie kann man ballistische Raketen abwehren?
Die Abwehr ballistischer Raketen stellt eine der größten technischen Herausforderungen der Wehrtechnik dar. Es gibt verschiedene Abwehrsysteme für unterschiedliche Flugphasen:
Bekannte Abwehrsysteme
| System | Herkunft | Abfanghöhe | Ziele |
|---|---|---|---|
| Arrow 3 | Israel/USA | Über 100 km (exoatmosphärisch) | Mittelstreckenraketen |
| Patriot PAC-3 | USA | Bis 35 km (endoatmosphärisch) | Kurzstreckenraketen |
| THAAD | USA | 40–150 km | Kurz-/Mittelstreckenraketen |
| S-400 | Russland | Bis 30 km | Kurzstreckenraketen |
| SAMP/T (Aster 30) | Europa | Bis 25 km | Kurzstreckenraketen |
Arrow 3 in Deutschland: Neue Raketenabwehr seit Dezember 2025
Am 3. Dezember 2025 hat die Bundeswehr das erste Arrow-3-Raketenabwehrsystem in der Annaburger Heide (Brandenburg/Sachsen-Anhalt) in Betrieb genommen. Dieses System schließt eine kritische Fähigkeitslücke in der deutschen Luftverteidigung.
Arrow 3 kann: Ballistische Mittelstreckenraketen außerhalb der Erdatmosphäre (über 100 km Höhe) abfangen. Das System nutzt das „Hit-to-Kill“-Prinzip – der Gefechtskopf wird durch kinetische Aufschlagenergie bei einem Direkttreffer zerstört.
Die Kosten für das Rüstungsprojekt belaufen sich auf insgesamt 3,6 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen der Bundeswehr. Weitere Informationen zur Arrow-Indienststellung finden Sie auf der Website der Bundeswehr.
Die erste ballistische Rakete: Geschichte der V2
Die erste funktionsfähige ballistische Rakete war die deutsche A4-Rakete, besser bekannt als „V2″ (Vergeltungswaffe 2). Sie wurde in den 1930er und 1940er Jahren unter der Leitung von Wernher von Braun entwickelt.
Technische Daten der V2:
- Länge: 14 Meter
- Gewicht: 12,5 Tonnen
- Reichweite: Etwa 320 km
- Gipfelhöhe: 80 km
- Geschwindigkeit: Bis Mach 4
Die V2 war erstmals mit einem Trägheitsnavigationssystem ausgestattet – Gyroskope und eine Zeitschaltuhr hielten den voreingestellten Kurs. Diese Technologie bildet bis heute die Grundlage moderner ballistischer Raketen, ergänzt durch Satellitennavigation.
Aktuelle Entwicklungen: Oreschnik und Hyperschallwaffen
Am 21. November 2024 setzte Russland erstmals eine Interkontinentalrakete in einem Krieg ein – die Oreschnik-Rakete (eine Variante der RS-26) im Ukraine-Konflikt. Die Rakete trug keine Sprengladung und diente der politischen Signalwirkung. Russland hatte die USA vorab informiert, um eine Verwechslung mit einem Nuklearangriff auszuschließen.
Neue Entwicklungen im Bereich ballistischer Raketen:
- Hyperschall-Gleitflugkörper: Manövrierfähige Sprengköpfe wie der russische Avangard
- MARV: Maneuverable Reentry Vehicles – steuerbare Gefechtsköpfe
- MIRV: Multiple Independently Targetable Reentry Vehicles – mehrere unabhängig zielbare Sprengköpfe pro Rakete
- Quasi-ballistische Raketen: Kombinieren ballistische Flugbahn mit Manövrierfähigkeit (z.B. Iskander)
Unterschied: Ballistische Rakete vs. Marschflugkörper
| Merkmal | Ballistische Rakete | Marschflugkörper |
|---|---|---|
| Flugbahn | Parabelförmig (ballistisch) | Geradlinig, niedrig fliegend |
| Antrieb | Nur beim Start | Während des gesamten Flugs |
| Tragflächen | Keine | Vorhanden |
| Flughöhe | Bis über 1.000 km | Meist unter 100 m |
| Geschwindigkeit | Bis Mach 25 | Bis Mach 3 (meist unter Mach 1) |
| Vorwarnzeit | Wenige Minuten | Länger |
| Beispiele | Minuteman, Topol-M | Tomahawk, Kalibr |
Häufig gestellte Fragen zu ballistischen Raketen
Fazit: Ballistische Raketen bleiben zentral für globale Sicherheit
Ballistische Raketen sind nach wie vor das wichtigste Trägermittel für strategische Atomwaffen und prägen die globale Sicherheitsarchitektur. Von der deutschen V2 im Zweiten Weltkrieg bis zu modernen Hyperschallwaffen hat sich die Technologie stetig weiterentwickelt. Mit neun Atomwaffenstaaten und insgesamt über 12.000 Sprengköpfen weltweit bleibt die Bedrohung durch diese Waffensysteme real. Die Beschaffung von Abwehrsystemen wie Arrow 3 für Deutschland zeigt, dass auch europäische Staaten diese Gefahr ernst nehmen und ihre Verteidigungsfähigkeit entsprechend anpassen. Das Auslaufen des New-START-Vertrags im Februar 2026 könnte zu einem neuen nuklearen Wettrüsten führen – die Entwicklungen in diesem Bereich bleiben daher von höchster geopolitischer Bedeutung.
Über den Autor
Die Redaktion von Rathausnachrichten berichtet über aktuelle sicherheitspolitische und militärische Themen. Unsere Artikel werden sorgfältig recherchiert und regelmäßig aktualisiert.






