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Interpol, offiziell die Internationale Kriminalpolizeiliche Organisation (IKPO), ist die größte Polizeiorganisation der Welt mit 196 Mitgliedstaaten. Sie dient als globale Schnittstelle zur Koordination nationaler Polizeibehörden, um grenzüberschreitende Kriminalität effektiv zu bekämpfen. Entgegen der Darstellung in Filmen führt Interpol selbst keine Verhaftungen durch, sondern unterstützt die Mitgliedsländer durch sichere Kommunikationskanäle, Datenbanken und operative Hilfe.
Das Wichtigste in Kürze
- Globale Reichweite: Interpol verbindet die Polizeibehörden von 196 Mitgliedstaaten und ist damit die weltweit größte Organisation ihrer Art.
- Keine Exekutivgewalt: Interpol-Agenten führen selbst keine Verhaftungen durch; dies bleibt die Aufgabe der nationalen Polizeibehörden.
- Gründung und Sitz: Die Organisation wurde 1923 in Wien gegründet und hat ihren Hauptsitz heute in Lyon, Frankreich.
- Fahndungsinstrumente: Die bekanntesten Instrumente sind die „Notices“ (Ausschreibungen), insbesondere die „Red Notice“ zur Ortung und vorläufigen Festnahme gesuchter Personen.
- Nationale Zentralbüros (NZB): Jeder Mitgliedstaat unterhält ein NZB als zentrale Kontaktstelle. In Deutschland ist es beim BKA in Wiesbaden, in Österreich beim Bundeskriminalamt in Wien und in der Schweiz bei fedpol in Bern angesiedelt.
- Finanzierung: Die Organisation finanziert sich hauptsächlich durch die Pflichtbeiträge ihrer Mitgliedsländer.
- Neutralität: Laut Statut ist es Interpol untersagt, sich in politische, militärische, religiöse oder rassische Angelegenheiten einzumischen.
Was ist Interpol und welche Aufgaben hat die Organisation?
Interpol, gegründet am 7. September 1923 in Wien, ist heute, am 10.02.2026, eine unverzichtbare Säule der internationalen Sicherheitsarchitektur. Die Hauptaufgabe von Interpol ist die umfassende Unterstützung der Kriminalpolizeibehörden aller Mitgliedstaaten. Ziel ist es, sicherzustellen, dass Straftäter auch dann zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie versuchen, sich durch Flucht ins Ausland der Justiz zu entziehen. Es handelt sich hierbei nicht um eine übergeordnete „Weltpolizei“ mit eigenen Ermittlern, die im Ausland Verdächtige verhaften. Vielmehr ist Interpol eine Koordinations- und Serviceplattform, die den nationalen Behörden hilft, effektiver zusammenzuarbeiten. Die vier Kernfunktionen sind:
- Sicheres globales Polizeikommunikationssystem (I-24/7): Dieses Netzwerk ermöglicht den Nationalen Zentralbüros (NZB) den sicheren und schnellen Austausch von polizeilichen Informationen.
- Datenbanken und Analyse: Interpol unterhält umfangreiche Datenbanken zu gesuchten Personen, Fingerabdrücken, DNA-Profilen, gestohlenen Reisedokumenten und Fahrzeugen. Diese Informationen sind für die Beamten an den Grenzen und im Inland in Echtzeit abrufbar.
- Operative Unterstützung: Bei schweren Verbrechen, Terroranschlägen oder Naturkatastrophen kann Interpol auf Ersuchen eines Mitgliedstaates spezielle Einsatzteams (Incident Response Teams) entsenden, die vor Ort mit Fachwissen, zum Beispiel in der Forensik oder bei der Identifizierung von Opfern, unterstützen.
- Aus- und Fortbildung: Durch Schulungsprogramme wird sichergestellt, dass Polizisten weltweit über moderne Ermittlungsmethoden im Bilde sind und einheitliche Standards anwenden können.
Die Rolle der Nationalen Zentralbüros (NZB) in DACH
Jeder der 196 Mitgliedstaaten betreibt ein Nationales Zentralbüro (National Central Bureau, NCB), das als Herzstück der Zusammenarbeit mit Interpol fungiert. Es ist die zentrale Anlaufstelle für das Generalsekretariat in Lyon und alle anderen NZBs.
- Deutschland: Das NZB Wiesbaden ist im Bundeskriminalamt (BKA) angesiedelt und koordiniert die Fahndungen und den Informationsaustausch für alle deutschen Polizeibehörden.
- Österreich: Das NZB Wien befindet sich im österreichischen Bundeskriminalamt (.BK) und ist die Schnittstelle für die internationale Polizeikooperation des Landes.
- Schweiz: In der Schweiz übernimmt das Bundesamt für Polizei (fedpol) in Bern die Funktion des NZB und koordiniert die Zusammenarbeit zwischen den kantonalen und eidgenössischen Behörden mit Interpol.
Diese Büros stellen sicher, dass Anfragen aus dem Ausland an die zuständigen nationalen Stellen weitergeleitet und umgekehrt deutsche, österreichische oder schweizerische Ersuchen in das Interpol-System eingespeist werden.
Was ist eine Interpol Red Notice?
Die wohl bekannteste Maßnahme von Interpol ist die „Red Notice“ (Rote Ausschreibung). Entgegen der landläufigen Meinung handelt es sich dabei nicht um einen internationalen Haftbefehl. Eine Red Notice ist ein Ersuchen an die Strafverfolgungsbehörden weltweit, eine Person ausfindig zu machen und vorläufig festzunehmen, bis eine Auslieferung, Übergabe oder ein ähnliches rechtliches Verfahren in die Wege geleitet werden kann. Die rechtliche Grundlage für eine Festnahme ist immer der nationale Haftbefehl des ersuchenden Landes. Interpol prüft vor der Veröffentlichung, ob das Ersuchen mit seinen Regeln und Statuten, insbesondere dem Neutralitätsgebot, vereinbar ist. Die Entscheidung, ob eine Person tatsächlich festgenommen wird, liegt jedoch allein bei den Behörden des Landes, in dem sie sich aufhält. Die aktuelle Debatte um den Ömer Solmaz Prozess zeigt, wie komplex internationale Rechtsfälle sein können, auch wenn hier keine direkte Interpol-Beteiligung bekannt ist.
Video-Empfehlung: Interpol Red Notice erklärt
[Empfehlung: Hier ein YouTube-Video einbetten, das den Zweck und die Funktionsweise einer Red Notice visuell erklärt. Suchbegriff: „What is an Interpol Red Notice?“]
Die verschiedenen Fahndungs-Ausschreibungen von Interpol
Neben der Roten Ausschreibung gibt es eine ganze Reihe weiterer farbcodierter „Notices“, die jeweils einem spezifischen Zweck dienen. Diese Vielfalt an Instrumenten ermöglicht eine flexible und zielgerichtete internationale Zusammenarbeit.
| Notice-Typ | Farbe | Zweck und Bedeutung |
|---|---|---|
| Red Notice | Rot | Fahndung zur Lokalisierung und vorläufigen Festnahme einer Person zwecks Auslieferung. |
| Yellow Notice | Gelb | Hilfe bei der Suche nach vermissten Personen, oft Minderjährigen, oder zur Identifizierung von Personen, die sich nicht selbst identifizieren können. |
| Blue Notice | Blau | Sammeln zusätzlicher Informationen über die Identität, den Aufenthaltsort oder die kriminellen Aktivitäten einer Person. |
| Black Notice | Schwarz | Suche nach Informationen über nicht identifizierte Leichen. |
| Green Notice | Grün | Warnung vor Personen, die schwere Straftaten begangen haben und als potenzielle Gefahr für die öffentliche Sicherheit gelten, wenn sie in andere Länder reisen. |
| Orange Notice | Orange | Warnung vor einem Ereignis, einer Person, einem Gegenstand oder einem Vorgang, der eine unmittelbare Bedrohung für die öffentliche Sicherheit darstellt (z.B. Paketbomben). |
| Purple Notice | Lila | Bereitstellung von Informationen über den Modus Operandi, Objekte, Geräte und Verstecke von Kriminellen. |
| INTERPOL–UN Security Council Special Notice | Spezial | Informiert über Personen und Organisationen, die Sanktionen des UN-Sicherheitsrates unterliegen. |
Kritik an Interpol: Missbrauch durch autoritäre Regime?
Trotz ihrer wichtigen Rolle im Kampf gegen die internationale Kriminalität steht Interpol immer wieder in der Kritik. Menschenrechtsorganisationen werfen der Organisation vor, dass ihre Mechanismen, insbesondere die Red Notices, von autoritären Staaten missbraucht werden, um politische Gegner, Journalisten und Aktivisten weltweit zu verfolgen. Obwohl die Statuten eine Einmischung in politische Fälle verbieten, ist die Überprüfung der Anträge komplex. In den letzten Jahren hat Interpol seine Prüfverfahren verschärft und eine spezielle Taskforce eingerichtet, um die Konformität der Anträge zu gewährleisten. Dennoch bleibt die Gefahr des Missbrauchs ein zentrales Thema, das die Organisation kontinuierlich adressieren muss. Fälle wie die umstrittene Wahl des emiratischen Generalmajors Ahmed al-Raisi zum Präsidenten im Jahr 2021 haben diese Debatte weiter befeuert.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Interpol
Kann Interpol jemanden verhaften?
Nein, Interpol hat keine eigenen Exekutivbefugnisse. Agenten von Interpol führen keine Verhaftungen durch. Dies ist ausschließlich die Aufgabe der nationalen Strafverfolgungsbehörden in den jeweiligen Mitgliedsländern.
Was ist der Unterschied zwischen Interpol und Europol?
Interpol ist eine globale Organisation mit 196 Mitgliedstaaten weltweit, die die Zusammenarbeit koordiniert. Europol ist die Strafverfolgungsbehörde der Europäischen Union und konzentriert sich auf die Kriminalitätsbekämpfung innerhalb der EU-Mitgliedstaaten. Europol hat im Gegensatz zu Interpol auch eigene operative und analytische Fähigkeiten.
Wie viele Personen werden von Interpol gesucht?
Die Zahl ändert sich ständig. Öffentlich sind nur wenige tausend Red Notices einsehbar. Der Großteil der Ausschreibungen ist jedoch nur für Strafverfolgungsbehörden bestimmt. Aktuell sind auf der öffentlichen Webseite rund 7.000 Personen zur Fahndung ausgeschrieben.
Wie kann ich herausfinden, ob ich von Interpol gesucht werde?
Personen können einen Antrag an die „Commission for the Control of INTERPOL’s Files (CCF)“ stellen, um Auskunft über eventuell zu ihrer Person gespeicherte Daten zu erhalten. Dieses unabhängige Gremium prüft die Rechtmäßigkeit der Datenverarbeitung.
Ist die Schweiz Mitglied bei Interpol?
Ja, die Schweiz ist Gründungsmitglied von Interpol und arbeitet seit 1923 aktiv in der Organisation mit. Das Nationale Zentralbüro wird vom Bundesamt für Polizei (fedpol) betrieben.
Fazit
Interpol ist im Jahr 2026 weit mehr als nur eine Organisation zur Verbrecherjagd, wie sie oft in den Medien dargestellt wird. Sie ist ein komplexes und unverzichtbares Netzwerk, das als Brücke zwischen den Polizeikräften von 196 Ländern dient. Durch den Austausch von Informationen, den Zugang zu globalen Datenbanken und die Bereitstellung von operativer Unterstützung spielt Interpol eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung von Terrorismus, Cyberkriminalität und organisierter Kriminalität. Die Nationalen Zentralbüros in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind dabei die vitalen Knotenpunkte, die sicherstellen, dass die globale Zusammenarbeit auch auf nationaler Ebene effektiv umgesetzt wird. Trotz berechtigter Kritikpunkte bezüglich potenziellen Missbrauchs bleibt Interpol ein zentraler Akteur für eine sicherere Welt.
Über den Autor:
Maximilian Weber ist studierter Politologe und seit über 10 Jahren als Fachjournalist für die Themen Innere Sicherheit und internationale Beziehungen tätig. Er analysiert für Rathausnachrichten.de die Arbeit von Sicherheitsbehörden und beleuchtet deren globale Vernetzung.






